„Niemand flieht freiwillig!“

Als ich vor ein paar Wochen damit begann, Spenden für das Flüchtlingsprojekt des LSVD zu sammeln, hatte ich vor allem eins: keine Ahnung.

Die Pride-Saison stand an, mitten in einer Pandemie. Also keine Staßenumzüge, keine großen Kundgebungen, keine Sichtbarkeit in diesem Sommer. Dem einen oder anderen wird es sicherlich recht gewesen sein, in diesem Jahr keine Sattelzüge voller halbnackter Homos durch die Stadt gondeln zu sehen, hatte man in den vergangenen Jahren doch oft den Eindruck, daß der eigentliche Anlass für die Demonstrationen, so waren sie offiziell deklariert, etwas in den Hintergrund getreten war.

Nun mag es an meinem Alter liegen oder der sich ändernden Einstellung zur Szene, aber ich wollte diesen Sommer nicht so verstreichen lassen. Viele von uns kennen die Bilder der Flüchtlingslager auf den griechischen Inseln, von hoffnungslos überfüllten Zeltstätten, in denen politisch Verfolgte und Kriegsflüchtlinge auf eine Weiterreise in eine bessere Zukunft warten. Und je weiter ich im Netz suchte, stieß ich auf einmal auf ein Thema, daß mir so vorher gar nicht bewußt gewesen war: queere Flüchtlinge.

Dazu Klaus Jetz, Geschäftsführer der Hirschfeld-Eddy-Stiftung: „Menschen mit LSBTTI*-Hintergrund droht in acht Ländern die Todesstrafe. In vielen weiteren werden sie bedroht, gefoltert und ermordet. Die Aufnahme dieser verfolgten Personen in Deutschland ist eine humanitäre Pflicht.“

Info: die Abkürzung LSBTTI* steht für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle, Transgender, Intersexuelle und die Vielfalt geschlechtlicher und sexueller Identitäten.

Karte der aktuellen Gesetzeslage zur sexuellen Orientierung in der Welt


Ich merkte relativ schnell, daß dieses Thema zum Einen wahnsinnig sensibel, zum Anderen so vielschichtig ist, dass es eigentlich gar nicht möglich ist, sich dem Ganzen in einem Artikel zu nähern. Denn man muß es sich einmal so vorstellen: Flucht an sich ist schon ein krasses Thema – alles zurückzulassen, vielleicht seine Familie und Freunde nie wieder zu sehen, aufzubrechen in ein fremdes Land, nicht wissend was passiert. Allein nur von dem Wunsch getrieben, ein normales Leben zu führen oder schlichtweg zu überleben.

Um es besser verstehen zu können, traf ich mich in Köln mit Ina und Lilith, zwei Mitarbeiterinnen des LSVD, die das Projekt Queen Refugees betreuen und mir etwas Einblick in ihre Arbeit gewährten.

Ina Wolf und Lilith Raza

Gegründet wurde das Projekt Queer Refugees im November 2017 als ein Förderprojekt der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, mit dem Ziel zu helfen und zu beraten, aber auch die Beratungsstellen, also die Anlaufstellen für Flüchtlinge für das Thema LSBTTI* zu sensibilisieren. Das geschieht vor allem durch Schulungen vor Ort. Dazu kommen die Website Queer Refugees Deutschland, das Mapping der Anlaufstellen und die Erstellung und Distribution von Informationsmaterial in mehr als 12 Sprachen.

Und besonders Lilith, die als Aktivistin für die Rechte von Trans*Menschen aus Pakistan stammt, weiß um die Problem und Nöte der Flüchtlinge. Erst einmal muss Vertrauen aufgebaut werden. Die Menschen, die wegen ihrer sexuellen Orientierung oder Identität geflohen sind, wurden meist massiv bedroht. Ehrenmorde, Zwangsheirat, genitale Verstümmelungen sind nur einige Schlagworte die fallen. Dazu kommt der Fremdenhass, die Ausländerfeindlichkeit, die fehlenden Rückzugsmöglichkeiten in den Flüchtlingslagern. Dabei können es so kleine Signale wie ein Regenbogenaufkleber oder ein Stift mit einem queeren Logo sein, die das erste Eis für ein Beratungsgespräch brechen können. Denn die Ängste sind groß. Selbst in den Schutzeinrichtungen können LSBTTI*-Personen nicht vor Übergriffen sicher sein. Oft werden sie von ihren Landsmännern nach einem Coming Out nicht mehr respektiert. Ein Problem, dass oft bei Minderheiten zu beobachten ist. Man versucht seine eigene Lage zu verbessern, indem man sich ein weiteres Feindbild sucht, auf das man hinabsehen kann. Dafür muss man noch nicht einmal Flüchtling sein, ein Blick in die eigene Szene zeigt oft ein ähnliches Verhalten, Stichwort „Toxic Masculinity“ und die Ausgrenzung von Minderheiten, wie zum Beispiel Drags und Transmenschen auf schwulen Veranstaltungen.

Das zeigt ein weiteres Problem auf: die Akzeptanz in der eigenen Szene. Selbst nach einem erfolgreichen Asylverfahren, haben LSBTTI*-Flüchtlinge mit zahlreichen Problemen zu kämpfen. Kulturelle Unterschiede, eine Abschottung der Szene gegenüber Fremden, bzw. Ausländern, Sprachhindernisse, bis hin zu sexueller Ausbeutung durch vermeintliche Wohltäter.

Dieser Sommer neigt sich dem Ende, für dieses Jahr wird es keine weiteren Pride-Parade mehr geben. Aber der Kampf um Akzeptanz und Integration geht weiter.

Unter

Support LSVD

sammle ich noch bis Ende September Spenden, um die Arbeit des LSVD zu unterstützen.

Weitere Infos unter

LSVD

Arbeiter-Samariter-Bund

Der Paritätische

Hirschfeld-Eddy Stiftung

Queer Amnesty

Queer Refugees

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