Herz über Kopf

Gestern war Internationaler Tag der mentalen Gesundheit, heute der Tag des Coming Outs. Für manche Menschen sind das Tage wie jede andere. Warum es gut ist, sie für alle zu etwas ganz Besonderem zu machen.

Mein eigenes Coming-Out ging im Alter von 17 Jahren sehr wechselhaft vonstatten. Im Freundeskreis war es ein fast beiläufiger Kommentar während einer Radtour, im Elternhaus schlugen damals die Wellen schon etwas höher. Zu der Zeit wirkte das alles wahnsinnig dramatisch auf mich, die Tränen meiner Mutter, das Schweigen meines Vaters. Und das ALLES meine Schuld. Das frisst ziemlich an Einem, man möchte das so sehr ändern. Wer will schon der Grund sein, daß die eigene Mutter traurig ist. Viel später wurde mir erst klar, daß es nur die Angst und die Unsicherheit waren, die meine Eltern so reagieren ließen.

Wir sprechen schließlich vom Jahr 1991. Außerdem von einer niedersächsischen Kleinstadt. Schwule kennt man da nur aus dem Fernsehen oder durch Getuschel hinter vorgehaltener Hand, so jedenfalls kam es mir vor. Es war aber gar nicht so die Sorge, was wohl Familie und die Nachbarn denken könnten, sondern vielmehr die Sorge, ob ich mein Leben so führen kann, wie es sich meine Eltern gewünscht hätten. Denn egal, wie die sexuelle Orientierung des Nachwuchs sein wird, eine Mutter will wohl immer nur, daß es den Kinder gut geht. „Schwul“ war da im Entwurf meiner Eltern erst nicht eingeplant, es war also nach meinem Coming-Out eine Kurskorrektur notwendig. Das war erst holperig, aber nach zahlreichen Gesprächen haben wir doch einen guten Weg gefunden.

Aber was hat das jetzt mit mentaler Gesundheit zu tun? Ich bin in den letzten Jahren leider durch mehr oder weniger unruhige Gewässer gesteuert und habe Probleme fast ausschließlich mit mir selbst ausgemacht. Dabei bin ich leider in eine Abhängigkeitserkrankung gerutscht, die, Überraschung!, nicht wirklich meine Probleme gelöst hat, ganz im Gegenteil. Erst als ich allen Mut zusammennahm und damit auch bei meinen Eltern reinen Tisch gemacht habe, um kurz danach eine Therapie zu beginnen, haben sich in meinem Kopf nach und nach die Knoten gelöst.

Dieser Prozeß ist ein Dauerhafter. Aber er ist wichtig. So wie es wichtig ist, darauf zu achten, welche Signale die Menschen in unserem Umfeld aussenden. Ruhe im Kopf ist nicht selbstverständlich, aber jeder kann bei sich selbst anfangen, Achtsam zu sein. Wer sich selbst kennt, kann auch helfen, wenn es dem Gegenüber schwer fällt, sich selbst zu kennen und zu schätzen.

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