Zwei Leben

Vor etwas über einem Jahr kreuzte sich mein Lebensweg mit dem eines jungen Mannes, mit dem ich wenig gemeinsam hatte. Heute traf ich ihn wieder.

Bevor ich letzten Dezember meine Therapie in Köln antrat, verbrachte ich auf eigene Wunsch ein paar Wochen in einer sozialen Einrichtung hier in Hamburg. Mein Mann war zu der Zeit beruflich viel unterwegs und ich fühlte mich nach der Entlassung aus dem UKE noch nicht stabil genug, um allein zu Hause zu sein. Also ging es von Eppendorf direkt nach Altona in ein Wohnprojekt für Menschen mit Suchtproblematik

Dass die Einrichtung so überhaupt nicht für mich geeignet ist, wurde mir relativ schnell bewußt. Ich war weder arbeits- noch obdachlos, hatte ein intaktes soziales Umfeld und so blieb als einziger gemeinsame Nenner die Abhängigkeitsproblematik. Das ließen mich meine Mitinsassen auch unverblümt spüren, daß ich nicht dazugehörte. Selbst vom Personal wurde mir im persönlichen Gespräch die Frage gestellt, ob ich denke, daß ich hier richtig sei. Nur mit K. verstand ich mich sofort.

K. war gut 15 Jahre jünger als ich und hatte die „klassische“ Drogenkarriere hinter sich. Kaputtes Elternhaus, Gewalt, keine Schulbildung, Kleinkriminalität, Alltagsflucht mit Alkohol und mehr. Es gibt ja leider diese Menschen, die auf die Welt kommen und von da an geht es bergab. Immer ein bißchen zu laut, weil er sich immer alles erkämpfen musste, dabei immer mißtrauisch. Wir unternahmen in der kurzen Zeit, in der ich dort Klient war, täglich etwas miteinander, soweit das der von der Einrichtung gesteckte Rahmen zuließ. So laut und aufbrausend er in der Gruppe war, so ruhig und unterhaltsam konnte er sein, wenn man mit ihm alleine war. Eigentlich ein richtig netter Kerl.

Nach drei Wochen war dann aber für mich die Zeit gekommen, die Einrichtung zu verlassen. Zu krass waren mir die Hausregeln und streckenweise der Umgangston untereinander. Mit K. blieb ich in Kontakt, wir trafen uns, wenn er Ausgang hatte, auf einen Kaffee und erzählten uns von unseren Plänen, wie es weitergehen sollte. Ich ging Anfang Dezember dann nach Köln zur Langzeittherapie, K. wollte die verbleibende Zeit in der Einrichtung nutzen, um sein Leben zu sortieren, einen Job und eine Bleibe finden. Leider gab es bei ihm Probleme mit der Hausordnung und er wurde am 2. Weihnachtstag vor die Tür gesetzt.

Ende Januar war ich für ein Wochenende in Hamburg und wir hatten ein Treffen verabredet. Leider hatte es K. nicht geschafft sauber zu bleiben und stand dann völlig betrunken und zugedröhnt vor mir. Er tat mir unfassbar leid, aber zu meinem eigenen Schutz brach ich das Treffen umgehend ab. Es folgten in den darauffolgenden Monaten unregelmäßige Nachrichten in den sozialen Medien, bis der Kontakt im vergangenen Sommer komplett abbrach.

K. sitzt im Knast, zum wiederholten Mal. Erfahren habe ich davon durch eine Nachricht von K.’s Ex-Freundin. „Naja, war ja klar!“, war mein erster Gedanke. Heute schäme ich mich dafür, so in die Vorurteilsfalle getappt zu sein. Zumal ich es wirklich besser wissen müßte. Hatte ich das doch bereits am eigenen Leib erfahren. Zum Beispiel als ich während meiner Therapie von einem ehemaligen Arbeitskollegen eine Nachricht bekam, die dieses Bild zeigte und dazu sein Text: „Mußte irgendwie an dich denken.“

Auf eine Entschuldigung warte ich noch heute. Oder erst unlängst, als die Krankenschwester in der Notaufnahme Schwierigkeiten hatte, mir Blut abzunehmen. Die Information, daß ich einmal drogenabhängig war, quittierte sie darauf mit der Antwort: „Na, dann sind ja wohl selbst schuld an ihrer Situation!“. Danke für’s Gespräch.

K. habe ich heute für eine halbe Stunde besucht. Ihm tut es leid, daß er damals das Treffen verpatzt hat. Erst hat es sich komisch angefühlt, war ich doch zum ersten Mal in meinem Leben in einer Justizvollzugsanstalt.

Nächsten Monat besuche ich ihn wieder.

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