Cheers: The Lady is a Punk

Mit der neuen Rubrik „Cheers“ möchte ich Menschen Raum geben, die mich interessieren und fasziniert haben. Besonders freut es mich, daß ich für das erste Interview ein queeres Hamburger Original gewinnen konnte.

Bei unserem ersten Treffen sitzen Daniel Plettenberg und ich mit einem Playground-Kaffee in einem Hauseingang auf St.Pauli in der der Frühlingssonne. Ich war neugierig auf den Mann, der mit seiner Duftmarke Atelier PMP so sensationelle Kreationen wie „Dreckig bleiben“ und „AntiAnti“ auf den Markt gebracht hat. Schnell wird mir klar, daß ein Treffen nicht ausreichen wird, so unendlich ist der Quell an Geschichten. Aber der Reihe nach.

Plettenberg kommt 1989 nach Hamburg. Darmstadt war ihm etwas zu klein geworden und in Hamburg sollte studiert werden. Die Universität geriet schnell in den Hintergrund. Viel wichtiger waren für ihn seine Coming-Outs. Ja richtig gelesen, er hatte zwei davon – einmal als schwuler Mann und kurz darauf als Tunte. Heute würde man das wohl moderner als Drag Queen bezeichnen, auch wenn es der Begriff nicht richtig trifft. Tunte ist vielmehr eine politische Haltung, viel subversiver als ein schillernder Damenimitator, der sich nach dem Auftritt wieder abschminkt. Didine, so die feminine Seite von Daniel, ist aber immer präsent.

Das zeigt sich auch in seinem Duftlabel, dass er zusammen mit Stefanie Mayr betreibt. Mayr hatte lange Zeit auf dem Wagenplatz „Bambule“ gelebt, Plettenberg veranstaltete Events in der Roten Flora, die Nähe zum Punk war also gegeben. Stefanie ist inzwischen erfolgreiche Designerin ihres Labels „Elternhaus“, Daniel berät mit seiner Trendagentur Luxusmarken auf der ganzen Welt.

2012 wollen sie mit einem eigenen Duft starten. Plettenberg schreibt mit der, wie er es formuliert, „Frechheit einer Tunte“ die zehn namhaftesten Parfumeure an und bekommt nach ersten Absagen Einladungen nach Paris. Sie können Mark Buxton und David Chieze für sich gewinnen. „Dreckig bleiben“ entsteht, für den Namen stand der Punkgruß vom Bambule-Platz Pate.

Die erste Creation „Dreckig bleiben“

Weitere Düfte werden lanciert, jeder ist Ausdruck einer politischen Haltung. Wie zum Beispiel „Geschöpf“, der dazu animieren soll, daß jeder und alles sein darf oder jeder alles sein darf. Quasi eine Einladung zum persönlichen Coming-Out, weit über die Grenzen von Gender und Sexualität hinaus. Kraft bekommt Daniel/Didine da von verschiedenen Geschöpfen, die seinen Lebensweg kreuzten. Vor allem aus der Erziehung seiner Mutter, die während ihres Lebens nie Zweifel an ihrer Person zuließ und ihre Kinder animierte, sich niemals Selbstzweifel hinzugeben und für Mut einzustehen.

Daniels Mutter

Eine weitere Person ist die langjährige Bühnenpartnerin Blessless Mahoney, mit der sie als Didine van der Platenvlotbrug aktiv ist. Zusammen stellen sie mit dem System Tunte immer wieder klassische Geschlechterrollen in Frage und beziehen zu gesellschaftspolitischen Aspekten Stellung. Dabei stört es sie nicht, dass gerade die aktuelle Gender-Diskussion zu einem Trendthema geworden ist. Es gibt so viel Platz für ein breites Spektrum von Ausdrucksmöglichkeiten der eigenen Identität und sexueller Zugehörigkeit. Und die junge Generation nimmt sich eh, was sie braucht. War es für Plettenberg noch die Politisierung von Frauenkleidern, so geht es doch heute um den individuellen Selbstausdruck und Lebensfreude, ohne dabei den Kampf gegen rechte Tendenzen und patriarchale Strukturen aus den Augen zu verlieren.

Diese Lebensfreude lerne ich dann bei unserem zweiten Treffen zuhause bei Daniel kennen. Ich klingele und Didine öffnet mir die Tür. Ich bin absolut geflasht von diesem Orkan. Es ist nicht nur das atemberaubende weiße Paillettenkeid mit dem tiefen Dekolleté, mit den passenden Clips und opulenter Kette, nein es ist diese unverschämt gute Laune, die sie versprüht. Die Art auch über ernste Themen zu sprechen und ihre zukünftigen Projekte.

Aktuell engagiert sie sich für die Schaffung eines Museums der Weiblichkeiten auf St.Pauli. Mit ihrer Energie kann das nur ein Erfolg werden.

Didine und ich genossen beim Interview eine Flasche Pomp Bioaperitif 0,0 Alkoholfrei

Bilder von Benjamin Ulrich

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