Eine Liebesgeschichte

Vor 60 Jahren öffnete der erste Sexshop der Welt in Deutschland seine Türen. Zu Weihnachten, weil man Tumulte befürchtete. Es wurde leider erst Jahre später ein Fest der Liebe.

Die Geschichte von Beate Uhse, der Kunstflugpilotin aus Flensburg, ist schon oft erzählt worden. Sie war eine Pionierin der Ehehyhiene und hatte es sich zur Aufgabe gemacht, Sexualität nicht mehr als Tabuthema anzusehen. Die Anfänge der sexuellen Revolution und Fachschriften wie der Kinsey-Report schufen ein Klima der sexuellen Befreiung und ließen die prüden Bundesbürger zahlreich in die mehr und mehr eröffnenden Fachgeschäfte für Liebesdinge strömen.

Oftmals angesiedelt im Bahnhofs- und Rotlichtmilieu bekamen die meisten Geschäfte aber schnell ein Schmuddelimage, das durch die damals vorherrschenden männliche Sicht auf die Ware „Sex“ geprägt war. Nahezu jede Verpackung lockte mit einer meist extrem sexualisierten Darstellung weiblichere Körper. Das Angebot war fast ausschließlich auf eine männliche Klientel zugeschnitten.

Ich erinnere mich an die späten 90er Jahre des letzten Jahrtausends, als ich selbst neben der Uni einen Studenten Job im örtlichen Sexshop annahm. Die meisten Geschäfte sahen aus wie lieblose SM-Studios und abgesehen von der damals noch überschaubaren Gay-Sektion, waren Frauen nur als willige Dekoartikel präsent, nymphomaner Touch gern inklusive.

Alles war irgendwie ein bisschen „Bäh“, das wurde auch den Siegeszug des Internets nicht wirklich besser. Die ganze Nummer wurde leider nur noch billiger, im übertragenen, wie auch im wörtlichen Sinne.

Es fand zwar einerseits eine Spezialisierung der Branche statt, frei nach dem Motto: „Jedem Tierchen sein Plaisierchen“, überholte Geschäftsmodelle ließen die Branche in den 2000er Jahren aber weiter und weiter schrumpfen. Wie überall im Einzelhandel verlagerte sich der stationäre Einzelhandel in das Online-Geschäft. Ironischerweise machte sich im Geschäft mit der Lust eine gewisse Unlust breit.

In dieser Phase formierten sich neue Pioniere, die hier die Chance sahen, Sex neu zu definieren. Drei von ihren sind Rosa, Fränky und Zarah.

In Hamburg gründete sie 2017 mit Hilfe eines Crowdfunding das Fuck Yeah Sexshopkollektiv. Sex-positiv, feministisch, queer, genderneutral, sind nur einige die Schlagwörter, mit denen sich sich definieren möchten, ohne dabei in eine Schublade gesteckt zu werden. Sie machen bei ihrem Angebot keine Unterscheidung ob der Kunde männlich oder weiblich gelesen werden möchte und geben auch keinerlei Definition vor, welches Spielzeug von wem genutzt werden kann. Alle Mitarbeiter/innen sind sexualpädagogisch geschult und so vielseitig wie das Sortiment. Die Mischung aus Sextoys, Menstruations- und Körperpflegeprodukten, Büchern und Kunst von lokalen feministischen und queren Künstlern findet schnell gefallen. Mit so großem Erfolg, dass aus dem Onlineshop ein Ladengeschäft wird, im Hamburger Gängevietel gelegen. Inzwischen werden Workshops und regelmäßige Events wie Toyparties angeboten.

Eine Entwicklung, die auch Rop und Oli vom Keller Kreuzberg in Berlin anstreben. Mit den beiden sprach ich neulich über ihre Pläne.

Rop und Oli

Seit wann gibt es den Keller Kreuzberg?

Wir sind seit Mitte Juli 2021 online, zum CSD hatten wir schon einen ersten kleinen Pop-Up Shop.

Eure Idee/Vision?

Alles fing mit dem Gedanken an, dass es noch zu wenige Sexshops in Kreuzberg gibt. Gerade um den “Kotti” herum gibt es keinen Laden, wo du mal eben schnell ein Gleitgel in einem “safe Space” kaufen kannst. Wir wollen einen Laden mit Produkten, die von queeren Designer:innen entworfen wurden. Und es soll ein Ort werden, an dem jede Person aus der gesamten queeren Community sich willkommen fühlt.

Wer sind eure Kunden?

Wir wollen, dass jede Person bei uns auch etwas findet. Daher soll unser Sortiment sehr divers sein. Wir sind konstant auf der Suche nach dem nächsten queeren Produkt. Und so schwul unser Sortiment jetzt gerade auch noch scheint, so wächst doch stätig die Bandbreite an Produkten. Das sind z. B. Kreationen, wie von dem queeren und transgender Pärchen Ash & Chess oder den kinky Designs von Andy Warlord.

Was ist wichtiger-Sex oder Kunst?

Sex inspiriert Kunst. Beide können voneinander nähren. Und oft verschwimmt auch die Linie zwischen Sex und Kunst. So gibt es Kunst die Fetische darstellt oder Pornos, die sich mehr auf der künstlerischen Seite bewegen. Es ist also glaube nicht notwendig, etwas als wichtiger zu erklären.

Was sind No-Gos?

Oh, es gibt so viel Scheiß, gerade bei Sextoys. Da müssen wir gut filtern, aber auch mal Produkte ausprobieren. Und wir versuchen ein Auge darauf zu haben, dass hinter den  Produkten queeren Menschen stehen. Natürlich haben wir nichts gegen “Allies”, solange sich die Produkte nicht zu sehr nach “Tokenism” anfühlen.

Vorher schon Erfahrungen in der Branche gesammelt?

Rop: Ich habe mehrere Jahre für GEAR Berlin gearbeitet und nebenher übersetze ich noch den Online-Sexshop eines Freundes in Paris.
Oli: Ich bin seit vielen Jahren als Buyer für Homewear und Lifestyle-Produkten tätig und bin Mitinhaber eines Interior Design Stores. Rop und ich wollten jedoch ein neues Konzept erstellen, um speziell queere Designer:innen hervorzuheben, da es so viel Talent gibt. 

Hat sich Sex in den letzten Jahren verändert?

Rop: Oh ja! Sex ist viel freier geworden. Und ich denke, diese Freiheit sorgt für mehr Lust die eigenen Grenzen auszutesten und auch mal auf Entdeckungsreise zu gehen.
Oli: Ja, und zum Besseren. Wir sind beide sexpositive Menschen und schämen uns nicht, darüber zu sprechen. Ich finde, dass Deutschland im Allgemeinen offener für Sex und Nacktheit ist als in Großbrittanien, wo ich aufgewachsen bin … oder vielleicht ist es nur eine Berliner Sache?

Welche Bedeutung haben Dating-Apps und das allgemeine Online-Angebot?

Rop: Zu den Dating-Apps höre ich einfach sehr viele verschiedene Meinungen. Ich selber nutze Dating-Apps gar nicht so viel, aber viel passiert auch schon auf Instagram. Mittlerweile finde ich es wieder viel interessanter, in eine Bar zu gehen und einfach dort Kontakte zu machen.
Oli: Dating-Apps schaffen einen sicheren Raum, um sexuell frei zu sein. Ich habe auch viele Freunde auf solchen Apps gefunden, es muss also nicht immer sexuell sein.

Gab es schon Probleme mit dem, was ihr tut?

Wir sind gerade auf der Suche nach einer Ladenfläche und so aufgeschlossen Berlin vielleicht auch sein kann, so versuchen wir schon eine “nette Umschreibung” für unser Konzept zu finden, um nicht doch eine schlummernde Homophobie aufzuwecken …

Wie haben Freunde/Familie reagiert?

Rop: Da ich ja schon sehr viel in diesem Bereich gearbeitet habe, war es keine große Überraschung, dass ich diesen Weg gehen möchte. Nur das Wort “queer” ist noch nicht so geläufig, aber ständig nur “Schwuler Laden” sagen, will ich auch nicht.

Oli: Meine Freunde wollen alle Rabatt und meine Familie ist sehr unterstützend.

Wie wichtig ist der Standort Berlin?

Unsere Leben haben hier ihren Dreh- und Angelpunkt. Berlin erlaubt es einem träumen zu können, denn hier leben Menschen, die solch eine Idee wertschätzen können. Und ich glaube, gerade das zieht auch so viele andere an. 

Vorbilder?

Wir senden uns andauernd die Innengestaltung von irgendwelchen Geschäften, die wir auf Social Media finden und als Inspiration sehen. Aber da gibt es kein direktes Vorbild. Wir haben aber schon eine Vorstellung, wie es sich anfühlen soll, wenn du Keller Kreuzberg betrittst. 

Fotocredits: Fuck Yeah Sexkollektiv/Sebastian Müller, Keller Kreuzberg

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